Globales Denken  

22. Dezember 2011

Der Letzte macht das Licht aus? Von Schlafstörungen und orientierungslosen Tieren

Sieht schön aus, ist aber Lichtverschmutzung | Bild: Shutterstock / chantal de bruijne

Sieht schön aus, ist aber Lichtverschmutzung | Bild: Shutterstock / chantal de bruijne

Laser-Shows, Feuerwerke, Blitzlichtgewitter, angestrahlte Hochhäuser, Denkmäler und Werbeflächen – wer kann schon sagen, ob es Tag oder Nacht ist? Zu jedem Anlass, an sämtlichen Orten der Welt strahlt künstliches Licht in die Dunkelheit. Diese leuchtende Einmischung der Zivilisation in die Dunkelheit nennt sich Lichtsmog – oder adäquat zum Begriff „Umweltverschmutzung“: Lichtverschmutzung.

Die Grenze zwischen Tag und Nacht verschwimmt – und die Sterne sind nicht mehr eindeutig erkennbar: Früher konnte der Mensch mit bloßem Auge bis zu 2.500 Sterne erkennen. Heute sieht er meist lediglich 200 bis 500, in hellen Innenstädten gar nur einige Dutzend. US-Amerikaner werden bald keine Sterne mehr über sich sehen können. Wer viele Sterne sehen will, muss schon in Wüsten oder sonstige menschenleere Regionen gehen, was immer mehr Sternwarten auch tun. Die unnatürliche Helligkeit wirft Menschen wie Tiere aus dem Gleichgewicht. Und kommen einige Lebewesen dadurch in Schwierigkeiten, gerät nach und nach das gesamte Öko-System womöglich aus den Fugen. Für uns Menschen sind die Auswirkungen nicht selten Schlafstörungen und fehlende tiefe Ruhephasen.

 Welches Ausmaß hat Lichtverschmutzung heute? | Foto: Lichtverschmutzungskarte 2010 von Mitteleuropa © A.Hänel, Quelle: www.lichtverschmutzung.de

Welches Ausmaß hat Lichtverschmutzung heute? | Foto: Lichtverschmutzungskarte 2010 von Mitteleuropa © A.Hänel, Quelle: www.lichtverschmutzung.de

Stech- und Tanzmücken sehnen sich nach der Sperrstunde

Die Bilanz, die Christian Reinboth in seiner kleinen Bibliographie der Lichtverschmutzung zusammengetragen hat, ist alarmierend – auch wenn es sich um Kleinstlebewesen ohne Haustierstatus handelt: In den Sommermonaten werden nach einer Schätzung etwa 150 Insekten pro Straßenlampe und Nacht getötet.

Tödliche Leidenschaft: Wie die Mücken ins Licht schwärmen | Bild: Fotolia / bierchen

Tödliche Leidenschaft: Wie die Mücken ins Licht schwärmen | Bild: Fotolia / bierchen

Der Nachtfalteranflug an einem Strahler zur Beleuchtung einer Statue in Süditalien wird in den Sommermonaten auf circa 5.000 Individuen pro Nacht geschätzt, wovon ein Großteil davon zu Tode kommt.
Aber auch ihre größeren Fluggefährten lassen sich zunehmend vom Licht blenden: Bis zu einer Milliarde Zugvögel kommen jedes Jahr durch das Anprallen an Hochhäusern und anderen hohen Gebäuden in Nordamerika ums Leben – das ist das sogenannte Tower-Kill-Phänomen.

Sogar dem Nachwuchs von Meeresschildkröten macht das Dauerflimmern Probleme: Wenn die Jungen schlüpfen, orientieren sie sich an der hellsten Lichtquelle, welche der sich im Meer reflektierende Mond sein sollte, und laufen ins Wasser. Durch künstliche Lichtquellen in der Nähe werden die Schildkröten allerdings fehlgeleitet und laufen ins Landesinnere. Viele von ihnen sterben an Dehydration, werden überfahren oder von Raubtieren gefressen.

Orientierungslose Babys verlaufen sich bei ihrem ersten Strandspaziergang| Bild: Shutterstock / IrinaK

Orientierungslose Babys verlaufen sich bei ihrem ersten Strandspaziergang| Bild: Shutterstock / IrinaK

Ein Plädoyer für die Dunkelheit?

Sicher nicht. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Es zu versuchen, wäre wohl kaum sinnvoll. Wir wollen alle nicht im Dunkeln sitzen, stehen und gehen. Intelligente Lösungsansätze erarbeitet dafür beispielsweise die Initiative Dark Sky.

Durch bedarfsgerecht eingesetzte Beleuchtungsanlagen könnte die künstliche Aufhellung des Nachthimmels nämlich wieder eingedämmt werden. Effiziente Lampen – besonders im Außenbereich sollten so konzipiert sein, dass sie nur wenig Streuverluste akzeptieren und effizient darauf ausgerichtet sind, nur das zu beleuchten, was wirklich nötig ist. Das ist in der Regel irgendetwas auf unserer Erde – und selten der Himmel.

Das Licht. Zu schön, um böse zu sein

Sind wir mal ehrlich: Licht ist in unserer Kultur eben ein Symbol für Leben, Wärme und Sicherheit. Nicht umsonst versammeln sich seit der Steinzeit die Menschen um den hellen Schein eines Feuers. Und zugegebenermaßen: von Weitem kann Lichtverschmutzung sogar – rein optisch – sehr hübsch sein. Wir schließen uns Florian Freitstetters Meinung durchaus an und lassen uns vom erleuchteten Nildelta faszinieren:

Earth | Time Lapse View from Space, Fly Over | NASA, ISS from Michael König on Vimeo.

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