#Energiewender  

Der Gewinnerpreis des Deutschlandslams | M. Buchholz
Der Gewinnerpreis des Deutschlandslams | M. Buchholz
28. Juni 2017

Der Science-Slam-Profi – Interview mit Martin Buchholz

In unserer Rubrik #Energiewender stellen wir Menschen vor, die aktiv ihr Puzzleteil zur Energiewende beitragen. Heute im Interview:  Martin Buchholz, Dozent im Bereich Thermodynamik an der TU Braunschweig. Er nimmt seit 2009 an Science-Slam-Wettbewerben teil und wurde 2010 deutscher Meister. Regelmäßig wird er von großen Unternehmen, wie z. B. REWE oder Siemens, für Vorträge gebucht. Er hat bei verschiedenen Fernsehsendungen, wie „1, 2 oder 3“ und „Galileo“ mitgewirkt. 2016 erschien sein Buch „Energie – Wie verschwendet man etwas, das nicht weniger werden kann?“. Sein Ziel ist es, das komplexe Thema Energie auf eine unterhaltsame Art zu vermitteln und so junge Leute anzuregen, sich damit zu beschäftigen.

123energie: Warum liegt Ihnen das Thema Energiewende so am Herzen? Was war der Auslöser für Ihr Interesse und Engagement?

Martin Buchholz | M. Buchholz

Martin Buchholz | M. Buchholz

M. Buchholz: Zunächstmal liegt mir das Thema „Energie“ am Herzen. Diese grundlegende Größe der Physik, die sich durch so viele Themengebiete hindurchzieht und fast immer eine Rolle spielt, fand ich schon als Schüler interessant. Dabei ist sie nicht nur theoretisch spannend, sondern hat eine umfassende praktische Relevanz für unser Leben: Die heutige Energieversorgung trägt dazu bei, dass wir so wenig physisch arbeiten müssen, wie irgendeine Generation vor uns. Dadurch bleiben wir gesünder, leben länger und haben mehr Zeit für andere, schöne Dinge. Gleichzeitig gefährdet die Art, wie wir Energie bereitstellen, durch Rohstoffgewinnung, Abfall und Treibhauseffekt unsere Umwelt. Eigentlich müsste bei der allgemeinen Wertschätzung für Fragen der Gesundheit, der Lebensqualität und unserer Zukunft, die Frage also nicht lauten „Warum liegt Ihnen das Thema Energiewende am Herzen“, sondern „Warum bitteschön liegt das Thema nicht ALLEN am Herzen?“

Der Science-Slam – Rampensau mit Fachwissen

123energie: Erläutern Sie bitte das Prinzip des Science-Slams.
M. Buchholz: Es ist ein Redewettstreit mit wissenschaftlichem Vorzeichen. Mehrere Studenten, Doktoranden oder Dozenten treten gegeneinander an und stellen ihr Thema vor. Dabei dürfen Sie reden, musizieren, live Experimente durchführen, Folien zeigen, tanzen, Umfragen im Publikum machen… Die einzige Regel ist, dass sie nur 10 Minuten Zeit haben. Am Ende bewerten die Zuhörer, wie viel sie gelernt haben und wie gut sie unterhalten worden sind und küren den Slam-Champion. Die beiden scheinbar unvereinbaren Pole, Wissensvermittlung und Unterhaltung, machen den Science-Slam so attraktiv. Inzwischen gibt es in allen größeren Städten in Deutschland mindestens einen regelmäßigen Slam mit ein paar hundert Besuchern.

123energie: Wie sind Sie auf die Wettbewerbe aufmerksam geworden und was hat Sie dazu angeregt selbst mitzumachen?
M. Buchholz: Zufall. Der Slam-Veranstalter in meiner Stadt Braunschweig brauchte dringend noch teilnehmende Slammer. Über einen Kollegen kam dann der Kontakt zum Veranstalter zustande. Obwohl ich nicht viel Zeit und noch nie als Zuschauer einen Slam gesehen hatte, habe ich mich im November 2009 getraut mitzumachen und zu meiner Überraschung dann gewonnen. 2010 durfte ich daraufhin als Vertreter Braunschweigs an den deutschen Meisterschaften teilnehmen – und bin deutscher Meister geworden. Ich hatte wirklich Glück, dass mein Kollege genau mich angesprochen hatte und mir die Teilnahme mit den folgenden Worten schmackhaft gemacht hat: „Martin, die suchen eine Rampensau mit Fachwissen. Wäre das nicht was für Dich?“

Entropie – Wieso die Tasse nicht vom Boden hochhüpft

123energie: Und nun die große Herausforderung: Sie sprechen gerne und leidenschaftlich über Entropie. Können Sie in wenigen Sätzen erklären, was sich hinter diesem Phänomen verbirgt?
M. Buchholz: Nein. Das kann ich nicht. Es ist eine Modellgröße, die man nicht sehen, nicht schmecken, nicht riechen und noch nicht mal messen kann. Man kann sie nur aus anderen Größen berechnen. Das soll aber nicht bedeuten, dass sie nicht wichtig ist. Entropie ist die Größe, die uns hilft zu ermitteln, in welche Richtung Prozesse ablaufen.
Warum fällt eine Tasse vom Tisch und zerbricht in tausend Scherben? Warum werden wir aber nie erleben, dass die Scherben sich wieder zusammenfügen und die Tasse vom Boden nach oben hüpft? Das hat nichts mit der Energie der Tasse zu tun. Denn wir wissen ja: Energie kann nicht mehr und nicht weniger werden. Die geht also beim Runterfallen nicht verloren. Die Entropie – genauer: das Verbot, Entropie zu vernichten – liefert die Begründung. Alle Vorgänge des Universums laufen in die Richtung ab, in der die Gesamtentropie zunimmt.
Gleichzeitig liefert sie die Erklärung, warum man Strom problemlos zu 100 Prozent in Wärme umwandeln kann; aber Wärme niemals zu 100 Prozent in Strom. Die beschränkten Wirkungsgrade von Kraftwerken haben ihre Ursache also nicht in der Inkompetenz der beteiligten Ingenieure oder Physikern, sondern lassen sich dadurch begründen, dass Entropie nicht vernichtet werden kann.  Wärme ist also einfach weniger wert als elektrischer Strom. Das erklärt auch, warum der Preis von Heizwärme deutlich unter dem von Strom liegt. Sie merken schon: Ich gerate auf Abwege. Ich habe zwar einige Beispiele präsentiert. Aber nicht erklärt was Entropie ist. Ich befürchte, um diese Größe wirklich zu beschreiben, braucht man doch etwas länger.

Die aktuelle Veröffentlichung von M. Buchholz | Springer

Die aktuelle Veroeffentlichung von M. Buchholz | Springer

123energie: Mit Ihrem Buch „Energie – Wie verschwendet man etwas, das nicht weniger werden kann?“ versuchen Sie Missverständnisse zum Thema Energie zu beseitigen. An wen richtet es sich und wie kommen die vielen Missverständnisse zu diesem Thema überhaupt zustande?
M. Buchholz:
Geschrieben habe ich das Buch für Menschen, die am Thema Energie(wende) Interesse haben; denen aber das Vorwissen fehlt, um sinnvoll mitreden zu können. Inzwischen merke ich aber, dass es auch vielen meiner Studenten weiterhilft.
Missverständnisse gibt es besonders bei den physikalischen Begriffen, die auch „normale“ Menschen in Ihrer Alltagssprache gebrauchen. Oft ist die Bedeutung dann aber eine etwas andere als in der Physik. Und das ist meist verwirrender, als wenn man mit einem ganz neuen Begriff wie z. B. der Entropie konfrontiert wird. Nur wenn alle mit einem bestimmten Begriff auch das Gleiche meinen, kann man sinnvoll miteinander diskutieren.

Der #Energiewender 

123energie: Vervollständigen Sie den Satz: „Die Energiewende ist …“
M. Buchholz: …das Projekt, mit dem unsere Generation in die Geschichtsbücher eingehen wird. Ich hoffe, in einem positiven Sinne.“

123energie: Mit wem würden Sie sich gern einmal über die Energiewende unterhalten?
M. Buchholz: Mit den Verantwortlichen der großen Netzbetreiber, die den Strom verteilen und dafür sorgen, dass trotz der schwankenden Nachfrage und dem zunehmen schwankenden Angebot, die Spannung bzw. die Netzfrequenz stabil bleibt. Ich finde, dass das eine große Herausforderung ist, und würde gerne unter vier Augen deren ehrlich Einschätzung zur Energiewende kennenlernen.

123energie: Nutzen Sie privat Ökostrom?
M. Buchholz: Ja, ich bin seit vielen Jahren Kunde eines Ökostromanbieters. Ich wünschte mir, fürs Heizen gäbe es für mich eine vergleichbar ökologische Lösung. Vielleicht wird das in Zukunft mal Gas sein, das per Elektrolyse mit überschüssigem Windstrom aus Wasser erzeugt wird. Aber das – und auch darauf gehe ich auch in meinem Buch ein –  ist leider noch nicht so richtig gut umsetzbar.

123energie: Hand aufs Herz – was gehört privat zu Ihren größten Klimakillern?
M. Buchholz: Ich reise gerne und heize zu viel. Ersteres will ich nur ungern ändern. Letzteres kann ich leider kaum ändern: Unser Altbau hat hohe Wände. Da geht einfach viel Wärme verloren.  

123energie: Was kann jeder Einzelne von uns tun, um im Alltag ein #Energiewender zu sein?
M. Buchholz:
Niemand kann alles „richtig“ machen. Dem einen ist das lange heiße Duschen wichtig, dem anderen Fleischkonsum, der dritte liebt sein altes Auto. Und der vierte hat gar nicht verstanden, in welchen Gebäuden man Wärmepumpen sinnvoll zum Heizen verwenden kann und in welchen nicht. Lassen wir uns nicht dadurch entmutigen, dass wir nicht alles verstehen und sowieso keine Energie-Heiligen werden. Jeder sollte Dinge machen dürfen, die ihm wirklich wichtig sind, aber gleichzeitig auch versuchen, einige Sachen in seinem Leben so zu gestalten, dass er weniger Energie nutzt.

123energie: Herr Buchholz, wir danken Ihnen für das Interview.

*Einige Passagen dieses Interviews wurden vor der Veröffentlichung gekürzt.

Martin Buchholz mit seinem Gewinnerbeitrag beim Science Slam | thermobestehen

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Dieser Artikel wurde verfasst von 123energie