Globales Denken  

Vom Fernseher über das Bügeleisen bis zum Fahrrad – alles wird im Repair Café repariert | Repair Café Cloppenburg
Vom Fernseher über das Bügeleisen bis zum Fahrrad – alles wird im Repair Café repariert | Repair Café Cloppenburg
3. Mai 2017

„Diese Wegwerfgesellschaft ist mittlerweile ein Irrsinn geworden“

Bernhard Büter, 2. Vorsitzender des Repair Café Cloppenburg | Bernhard Büter

Bernhard Büter, 2. Vorsitzender des Repair Café Cloppenburg | Bernhard Büter

Über 40 Millionen Tonnen Elektroschrott fallen jedes Jahr weltweit an, Tendenz steigend. Die weggeworfenen Geräte sind oft aber gar nicht wirklich kaputt, sondern können mit wenigen, gezielten Handgriffen wieder repariert werden. Genau das ist das Ziel von Repair Café. Bei angenehmer Café-Atmosphäre kann man kostenlos Hilfe bei der Reparatur von beschädigten Elektrogeräten und anderen Gegenständen bekommen und währenddessen andere Leute kennenlernen. Über 1.000 solcher Einrichtungen gibt es weltweit. Wir haben mit Bernhard Büter vom Repair Café Cloppenburg über das Konzept gesprochen.

 

 

123energie: Bitte erläutern Sie in wenigen Sätzen die Idee des Repair Cafés.
Bernhard Büter: Wir versuchen beschädigte Gegenstände und Elektrogeräte zu reparieren. Entweder gelingt eine Reparatur im Repair Café oder wir verweisen an den Fachhandel, wenn es sich lohnt – wir beraten völlig unabhängig von Verkaufsinteressen. Somit erleichtern wir die Entscheidung, sich endgültig von einem – oft sehr geliebten – Gerät zu trennen oder eine Reparatur durchführen zu lassen. Ziel ist grundsätzlich Hilfe zur Selbsthilfe. Wichtig ist uns auch eine angenehme Café-Atmosphäre, wie der Name vermuten lässt. Kaffee und Kuchen gibt es bei jeder Veranstaltung!

123energie: Was hat Sie dazu angeregt, Ihr eigenes Repair Café in Cloppenburg zu eröffnen?
Bernhard Büter: Nach meiner Pensionierung will ich mein Fachwissen weitergeben und gemeinnützig anwenden. Als die Volkshochschule dann einen Infoabend zur Idee des Repair Cafés veranstaltet hat, haben sich alle Anwesenden für einen Versuch ausgesprochen.

123energie: Wird in anderen Ländern weniger weggeworfen und mehr repariert als in Deutschland?
Bernhard Büter: Vermutlich wird in anderen Ländern nicht so viel weggeworfen, da es sich die Leute, die dort leben, gar nicht leisten können immer wieder neue Produkte zu kaufen. Die meisten Geräte, die hier in Deutschland im Müll landen, haben von den Herstellern künstlichen Verschleiß mit eingebaut bekommen, damit der Konsument gezwungen ist, sich nach einiger Zeit ein neues Gerät zuzulegen und somit ihre Umsatzzahlen steigen. Durch das Internet der Dinge werden in Zukunft fast alle Gebrauchsgegenstände mit dem Internet kommunizieren. Meiner Meinung nach erhalten Hersteller dadurch permanenten Zugriff auf ihre verkauften Produkte und könnten diese selbst steuern oder sogar negativen Einfluss auf sie nehmen. Geräte könnten dadurch nicht nur schneller kaputtgehen, sondern auch die Reparatur könnte dadurch schwieriger werden.

123energie: Wie finanziert sich das Repair Café und wer stellt die Räumlichkeiten und Materialien dafür zur Verfügung?
Bernhard Büter: Ausschließlich über Spenden. Die Stadt Cloppenburg, die Handwerkskammer und die Kalkhoff-Stiftung haben uns am Anfang finanziell unterstützt. Das Geld haben wir vor allem in Werkzeuge und Ausstattung investiert, wie zum Beispiel unserem Messgerät zur elektrischen Sicherheit für 1.000 €. Anfangs konnten wir Räume der Volkshochschule nutzen, jetzt sind wir im „Schwedenheim“, einer Einrichtung der evangelischen Kirche, zuhause.

Das „Schwedenheim“ in Cloppenburg | Repair Café Cloppenburg

Das „Schwedenheim“ in Cloppenburg | Repair Café Cloppenburg

 

123energie: Wie viele ehrenamtliche Mitarbeiter sind zurzeit bei Ihnen aktiv?
Bernhard Büter: Zurzeit rund 25 Frauen und Männer, darunter einige Jugendliche. Die Altersspanne reicht bei uns von 15 bis 70 Jahren – also sehr breit gefächert!

 

Erfahrungen und Wissen austauschen im Repair Café | Repair Café Cloppenburg

Erfahrungen und Wissen austauschen im Repair Café | Repair Café Cloppenburg

 

123energie: Wie viele Personen besuchen durchschnittlich eine Veranstaltung im Repair Café und sind dies meist Stammkunden?
Bernhard Büter: Im Schnitt besuchen 30 bis 50 Personen eine Veranstaltung. Vor kurzem hat übrigens unser 22. Repair Café stattgefunden. Wir haben schon einige Stammkunden, aber es kommen auch jedes Mal neue Leute zu uns.

123energie: Wie gut lernen sich die Teilnehmer während den Veranstaltungen kennen und sind dadurch schon Freundschaften entstanden?
Bernhard Büter: Der Kontakt mit den Menschen macht den besonderen Reiz des Repair Cafés aus. Man kommt ins Gespräch und wir haben doch sehr viel Spaß miteinander. Verlobungen und Hochzeiten hatten wir dadurch allerdings noch nicht zu vermelden ;).

123energie: Welche Gegenstände werden am meisten mitgebracht?
Bernhard Büter: Laptops, Drucker, HiFi-Geräte, Fernseher, Bügeleisen, Föne, Lampen, Kaffeemaschinen, Nähbedarf, Fahrräder und Handys sind meistens dabei. Es gab auch die Oma, die ihre Lieblingslampe eigenhändig mittels Rollator quer durch Cloppenburg zur erfolgreichen Reparatur brachte. Oft möchten die Leute auch nur beraten oder in Geräte eingewiesen werden, da sie die Bedienungsanleitungen nicht verstehen.

Auch alte Geräte werden im Repair Café wieder zum Leben erweckt | Repair Café Cloppenburg

Auch alte Geräte werden im Repair Café wieder zum Leben erweckt | Repair Café Cloppenburg

 

123energie: Gibt es für jedes Gebiet Experten und wie kann man überhaupt Reparaturhelfer werden?
Bernhard Büter: Wir haben das große Glück, dass wir tatsächlich für jedes Gebiet einen Fachmann haben. Um selbst Reparaturhelfer zu werden, muss man uns einfach nur ansprechen und sich mit einbringen.

123energie: Wie hoch ist die Erfolgsquote bei all den Reparaturen?
Bernhard Büter: 2016 hatten wir 10 Veranstaltungen mit 256 Aufträgen, von denen ca. 68 Prozent erfolgreich repariert werden konnten. Das bedeutet, dass 175 Gegenstände nicht weggeworfen werden mussten und weiterhin in Betrieb sind!

123energie: Warum liegt Ihnen das Thema Nachhaltigkeit so am Herzen?
Bernhard Büter: Weil diese Wegwerfgesellschaft mittlerweile ein Irrsinn geworden ist.

123energie: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft von Repair Café?
Bernhard Büter: Dass wir weiterhin gut angenommen werden und auch die Politik dem Konsumwahn in Zukunft endlich gegensteuert.

123energie: Herr Büter, vielen Dank für das Interview!

Anmerkung: Einige Antworten wurden aus Platzgründen gekürzt.

Stichwörter: , , , , , , ,

Kategorisiert in:

Dieser Artikel wurde verfasst von 123energie