#Energiewender  

Plastikfrei leben | Plastikfreie Zone
Plastikfrei leben | Plastikfreie Zone
8. März 2017

Plastikfrei leben – Jedes Kind sollte eine Edelstahlflasche geschenkt bekommen

Plastik ist allgegenwärtig: Als Verpackung von Lebensmitteln, in Haushaltsgegenständen und in Körperpflegeprodukten. Bei der Produktion werden große Mengen Energie und Wasser verbraucht – viele Plastikprodukte gehen schnell kaputt und landen im Müll.

Ein weiteres Problem: Plastik löst sich nicht auf, Mikroplastik im Meer verschwindet z. B. nie. Trotz dieser Belastungen ist ein Leben ohne Plastik nur schwer vorstellbar.
Katrin Schüler, Diplom-Soziologin und Inhaberin von Plastikfreie Zone
in München, hat zahlreiche nachhaltige Produkte in ihrem Sortiment, die echte Alternativen zu Plastik bieten. Plastikfrei Leben ist ihr Ziel. Wir stellen Katrin Schüler in einem Interview unserer Reihe #Energiewender vor.

123energie: Warum engagieren Sie sich gegen den Gebrauch von Plastik?
K. Schüler: Plastik ist mittlerweile überall zu finden, es „versteckt“ sich nicht mehr, sondern ist ständig präsent. Ich hatte mich schon länger mit einer nachhaltigen Lebenseinstellung beschäftigt, aber richtig aufgeweckt hat mich der Film Midway des Fotografen Chris Jordan. Er drehte eine Reportage über Vögel auf einer kleinen Insel, als er bemerkte, dass viele der kleinen Albatrosse verenden, weil sie Plastik verschlucken. Da habe ich angefangen nach Alternativen zu suchen.

Katrin Schüler engagiert sich gegen Plastik | Plastikfreie Zone

Katrin Schüler engagiert sich gegen Plastik | Plastikfreie Zone

123energie: Was war Ihre persönliche Motivation Ihr Engagement gegen Plastik zum Beruf zu machen?
K. Schüler: Das war ein langer Prozess. Da es eine riesige Lücke bei der plastikfreien Versorgung gibt, habe ich zunächst die Initiative „Plastikfrei Leben“ gegründet und regelmäßige Treffen veranstaltet, bei denen ich plastikfreie Produkte vorgestellt habe. Als immer mehr Nachfragen zu Produkten und deren Herkunft kamen, habe ich auf dem kleinen Vertriebsweg plastikfreie Waren verkauft. Als meine Wohnung zu eng wurde, stand zufällig ein Laden nebenan frei, für den ich den Zuschlag bekommen habe – das Sortiment habe ich dann nach und nach kontinuierlich erweitert.

123energie: Wie funktioniert der Einkauf bei Plastikfreie Zone in München?
K. Schüler: Unsere Kunden geben uns ihre Einkaufslisten oder nennen uns ihre Wünsche und wir füllen ihnen die benötigte Menge in mitgebrachte saubere Gefäße oder in Behälter aus unserem Laden ab. Das ist ein großer Vorteil unseres Systems. Es gibt zum Beispiel Rezepte, für die Sie 125 Gramm Buchweizen benötigen. Das ist keine herkömmliche Verpackungsgröße und führt dazu, dass Lebensmittel, die unter Aufwand von sehr viel Wasser, Strom und Energie erzeugt wurden, im Schrank lagern und nie benutzt werden. Im Durchschnitt hat man 250 Produkte im Schrank stehen, rechnen Sie das mal hoch! 50 Prozent aller Lebensmittel werden heutzutage weggeworfen. Genau das verhindert der Kunde mit einem Einkauf bei uns, wo man genau die Mengen einkauft, die man benötigt.

123energie: Wie sieht es mit der Hygiene bei unverpackten Lebensmitteln aus?
K.Schüler: Diese Frage bekomme ich sehr oft gestellt. Ich muss vorab sagen, dass wir keine Milch- oder Fleischprodukte anbieten und bei uns regelmäßig Kontrollen vom Amt stattfinden. Kunden freuen sich aber eher, dass bei uns eben nicht alles „tot“ in Plastik verpackt ist. Jeder erinnert sich wahrscheinlich noch an Tante-Emma-Läden, in denen alle Waren ohne Plastikverpackung angeboten wurden. Bei uns im Laden duftet es herrlich nach den verschiedenen Waren, wie z. B. Kräutern und Brot. Sie verströmen einen Duft, den sie im herkömmlichen Supermarkt so gar nicht mehr finden.

Lebensmittel können aufs Gramm genau abgewogen werden | Plastikfreie

Lebensmittel können aufs Gramm genau abgewogen werden | Plastikfreie Zone

123energie: Welche Produkte bieten Sie in Ihrem Sortiment an? Was finde ich bei Ihnen nicht?
K. Schüler: Wir unterscheiden uns von anderen „Unverpackt“- Geschäften. Zum einen bedienen wir unsere Kunden selbst und bieten keine Waren in großen Plastikgefäßen an. Zum anderen haben wir neben Lebensmitteln auch ein großes Sortiment an „Plastikfrei Leben“-Produkten: Büro- und Verpackungsmaterial, Küchenutensilien, Körper- und Raumpflege sowie Haushaltsprodukte. Darunter finden sich klassische vergessene Produkte wie feste Handseife, aber auch innovative Produkte wie neue Verpackungsmaterialien.

123energie: Gibt es große Preisunterschiede zu „herkömmlichen“ Supermärkten?
K. Schüler: Unsere Lebensmittel kosten das gleiche wie im Biosupermarkt. Bei den „Plastikfrei Leben“-Artikeln ist es so, dass man kurzfristig ein bisschen mehr investieren muss, aber langfristig deutlich sparen kann. Eine Zahnbürste aus Bambus kostet bei uns 4,90 Euro, ein festes Haarshampoo beläuft sich auf 9,90 Euro. Beides ganz ohne Plastik. Viele unserer Haushaltsartikel halten ewig und müssen nicht ständig ersetzt werden: zum Beispiel könnte jedes Kind zur Geburt eine Edelstahlflasche bekommen, die kostet einmalig circa 50 Euro und kann dafür ein Leben lang genutzt werden. Langfristig betrachtet würde sich das Investment definitiv lohnen.

123energie: Welche Kunden kommen zu Ihnen? Sind dies eher Stammkunden oder Menschen, die das Konzept einmal ausprobieren möchten?
K. Schüler: Circa 50 Prozent unserer Kunden sind Stammkunden. Die anderen 50 Prozent sind Touristen oder interessierte Passanten, die durch unsere Schaufensterdekoration in den Laden gelockt werden.

Viele Haushaltsartikel gibt es ohne Plastik | Plastikfreie Zone

Viele Haushaltsartikel gibt es ohne Plastik | Plastikfreie Zone

123energie: Plastikfreie Zone gibt es nun seit Februar 2014.  Wie lautet Ihr Fazit, wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken?
K. Schüler: Nur unverpackte Lebensmittel zu verkaufen, wie es mittlerweile viele Läden versuchen, ist aus kaufmännischer Sicht ein Risiko. Wir haben zu lange gelernt, verpackte Lebensmittel zu kaufen – Nudelverpackung öffnen, in den Topf und danach wegwerfen. Dieses Verhalten zu ändern benötigt Zeit, ich setze daher auf ein breites Sortiment. Der Markt für plastikfreie Waren ist auf jeden Fall riesig und ich hoffe, dass immer mehr Menschen ihr Konsumverhalten hinterfragen und der Ressourcenverschwendung Einhalt gebieten – und somit auch zu Energiewendern werden.

123energie: Mit wem würden Sie sich gern einmal über Plastikvermeidung unterhalten?
K. Schüler: Mit den Geschäftsführern von großen, weltweiten Lebensmittel- oder Haushaltkonzernen, wie beispielsweise Nestlé oder Procter & Gamble – und mit ihnen diskutieren, wie man ganze Generationen vor dem schlechten Einfluss des Plastiks retten kann.

123energie: Hand aufs Herz – was gehört privat zu Ihren größten Klimakillern?
K. Schüler: Ich esse sehr oft auswärts und ärgere mich dann, dass Plastikvermeidung in Restaurants keine Rolle spielt und leider auch in Restaurants sehr viele Fertigprodukte verwendet werden. Es stört mich, dass ich darauf nur minimal Einfluss nehmen kann und ich so weiterhin indirekt die Nutzung von Plastik unterstütze.

123energie: Nutzen Sie privat Ökostrom?
K. Schüler: Ja, tatsächlich haben wir in unserer WG vor kurzem einen Ökostrom-Vertrag abgeschlossen.

123energie: Was kann jeder Einzelne von uns tun, um im Alltag ein #Energiewender zu sein?
K. Schüler: Wenn Menschen zu uns kommen und sich noch nie mit dem Thema Plastikvermeidung beschäftigt haben, dann erklären wir ihnen immer zuerst, dass es nicht notwendig ist, alles Plastik sofort aus ihren Wohnungen zu entfernen. Denn diese Produkte wurden ja bereits aufwendig produziert. Vielmehr könnte man zunächst mit den folgenden Punkten beginnen:

  • Sobald ein Produkt im Haushalt kaputt ist, dieses durch ein nachhaltiges, langlebiges Produkt ohne Plastik ersetzen.
  • Das eigene Konsumverhalten hinterfragen. Qualität statt Quantität.
  • Produkte „sharen“. Brauche ich zum Beispiel wirklich eine eigene Bohrmaschine oder kann ich mir eine mit den Nachbarn teilen?

123energie: Frau Schüler, vielen Dank für das Interview!

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