Globales Denken  

26. September 2012

Sayonara Atomstrom: Japan plant den Atomausstieg bis 2040

Neue Blüte: Die Grüne Partei in Japan sieht sich im Aufwind | Bild: Photocase / okabekenji_akane

Neue Blüte: Die Grüne Partei in Japan sieht sich im Aufwind | Bild: Photocase / okabekenji_akane

 

Japaner verstecken ihre Gefühle. In den Fernsehbildern nach der Atomkatastrophe von Fukushima zeigte sich in der Mimik der Menschen nur selten, wie sehr die Ereignisse Angst, Schrecken und Verzweiflung zurückließen. Mehr als anderthalb Jahre danach sitzt der Schock im Land immer noch tief, auch wenn das Leben – zumindest außerhalb Fukushimas – wieder seinen gewohnten Lauf nimmt.

Japanischer Premier verkündet überraschend den Ausstieg aus der Atomkraft

Ein „Weiter so“ wird es dennoch nicht geben. In den Monaten nach der Katastrophe hat sich in Japan eine Protestbewegung gegen Atomkraft entwickelt, deren Druck sich jetzt auch der neue japanische Premier Noda beugen musste: Überraschend verkündete er den Atomausstieg seines Landes bis zum Jahr 2040. Nach dem Rücktritt seines Vorgängers Kan hatte Noda zunächst nur davon gesprochen, erneuerbare Energien fördern zu wollen – vom Ausstieg war keine Rede. Nun also die radikale Kehrtwende. Und dies vor dem Hintergrund, dass die Regierung noch vor der Katastrophe den Anteil der Atomenergie am Energiemix von 30 auf über 50 Prozent anheben wollte.

Grösste Anti-Atomkraft-Demo in der Geschichte Japans

Im Selbstverständnis der japanischen Bevölkerung hat sich seit der Reaktorkatastrophe etwas Grundlegendes geändert. In einem Land, in dem es traditionell keine Protestkultur gibt, keimen nun Widerstand und Wut der Bürger. Und das bekommt die Regierung immer häufiger zu spüren. Nachdem im März 2011 alle Reaktoren in Japan für Sicherheitsprüfungen vom Netz genommen worden waren, sind derzeit wieder zwei Atomreaktoren in Betrieb. Doch schon die Wiederinbetriebnahme der beiden Reaktoren sorgte für heftige Prosteste in der Bevölkerung. Im Juli 2012 kam es in Japan zu einer der größten Anti-Atomkraft-Demonstrationen in der Geschichte des Landes, bei der mehr als 170.000 Menschen auf die Straße gingen. In den Monaten nach dem Super-GAU steigerten sich in Meinungsumfragen die Werte für die Atomkraftgegner kontinuierlich. Mittlerweile wissen die Protestler mehr als die Hälfte der Bevölkerung hinter sich. Jede Woche versammeln sich zudem tausende Menschen vor dem Regierungssitz in Tokio, um gegen Atomkraft zu demonstrieren.

Wo Vertrauen fehlt, braucht es Taten

Die überraschende Ausstiegserklärung Nodas kommt also weniger aus tiefster Überzeugung, vielmehr sieht sich der Premier zum Handeln gezwungen: Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Japanstudien (DIJ) ist das Vertrauen der Bürger in die japanische Regierung nach den Informationschaos während der Reaktorkatastrophe auf einem Tiefpunkt angekommen. Junge wie alte Japaner haben das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen verloren. Dieses Vertrauen will Noda mit seiner Kehrtwende wiederherstellen. Und dennoch bleibt der Ausstiegswille ein zartes und gefährdetes Pflänzchen. In den nächsten 30 Jahren kann noch viel geschehen: Diskussionen um Wiedereinstieg und -ausstieg gab es auch in Deutschland zu Genüge. Apropos: Die deutsche Energiewende sieht man in Japan als Vorbild.

Grüne Bewegung in Japan auf dem Vormarsch

Die rasanten Entwicklungen in Japan verändern mittlerweile sogar das Parteiengefüge des Landes. Midori no To, die neue Grüne Partei Japans, ist aus einem Zusammenschluss mehrerer Umweltorganisationen hervorgegangen und konnte seit der Reaktorkatstrophe ihre Mitgliederzahl mehr als verdoppeln. Für deutsche Verhältnisse befindet sie sich zwar noch in den Kinderschuhen, in Japan handelt es sich dabei jedoch um einen weiteren Beleg für den Wertewandel.

Stichwörter: , , , , , , , , ,

Kategorisiert in:

Dieser Artikel wurde verfasst von 123energie